Warum Gutes Sehen auf der Jagd mehr ist als eine scharfe Optik
Es ist kalt. Diese klare, trockene Kälte, die man nur auf der Jagd kennt. Ich sitze oben auf dem Hochsitz, die Hände unter dem warmen Fuchsmuff, und warte. Unten im Bestand ist Bewegung. Erst nur ein Schatten, dann ein Rehbock, der kurz verhofft. Ich nehme das Glas hoch – und merke, wie mein Blick kurz „springt“. Nicht viel. Aber genug, um mich innehalten zu lassen.
Solche Momente begleiten mich nicht nur als Jägerin, sondern auch beruflich. Denn ich bin Augenoptikermeisterin, seit vielen Jahren in der Augenoptik tätig – und gleichzeitig passionierte Jägerin. Zudem arbeite ich als Referentin an der Schnittstelle von Optik und Jagd und spreche regelmäßig mit Jägerinnen und Jägern über genau diese Situationen draußen im Revier. Und ich merke immer wieder: Das Thema Sehen wird unterschätzt.
Wir vertrauen unserer Ausrüstung – aber oft nicht unseren Augen
Wir investieren viel Zeit, Geld und Leidenschaft in unsere jagdliche Ausrüstung. Hochwertige Waffen, präzise Optiken, moderne Technik. Doch die wichtigste „Optik“ bringen wir selbst mit – unsere Augen. Und genau die setzen viele einfach voraus.
In meiner täglichen Arbeit erlebe ich das ständig. Im Geschäft genauso wie auf Vorträgen und Schulungen:
„Ich sehe doch noch ganz gut.“
„Eine Brille brauche ich nur zum Lesen.“
Auch ich habe lange so gedacht. Bis ich gemerkt habe, dass sich mein Sehen verändert. Nicht dramatisch. Kein klares Defizit. Sondern diese kleinen Dinge: ein kurzer Moment der Unschärfe, ein verzögerter Fokuswechsel, ein Bild, das nicht sofort ruhig steht.
Gleitsicht auf der Jagd – meine ganz persönliche Erfahrung
Gleitsichtbrillen sind im Alltag eine hervorragende Lösung. Das möchte ich ganz klar sagen. Doch jagdlich habe ich selbst erfahren, dass sie nicht für jede Situation optimal sind.
Gerade oben auf dem Hochsitz oder auf der Drückjagd passiert Folgendes: Der Blick wandert automatisch nach unten – und damit durch den Nahbereich der Gleitsichtgläser. Das Bild wirkt dann unscharf oder „kippt“, weil genau dort der Nahbereich sitzt.
Ich habe das besonders auf Bewegungsjagden gespürt. Man steht, beobachtet, richtet den Blick neu aus – und muss den Kopf bewusst anders halten, um ein ruhiges Bild zu bekommen. Das kostet Konzentration. Und draußen brauchen wir jede freie Sekunde Aufmerksamkeit.
Kontaktlinsen – eine Alternative, die jagdlich überzeugt
Aus genau diesen Erfahrungen heraus habe ich mich intensiver mit Kontaktlinsen im jagdlichen Einsatz beschäftigt – beruflich wie privat. Und für mich persönlich haben gut angepasste Kontaktlinsen einen echten Unterschied gemacht.
Der größte Vorteil:
- Der Blick durch Fernglas und Zielfernrohr bleibt frei.
- Keine beschlagenen Gläser, keine Übergänge, kein Rand, der stört. Gerade bei Kälte, hoher Luftfeuchtigkeit oder schnellen Wechseln zwischen Optiken ist das ein enormer Gewinn.
Als Augenoptikermeisterin ist mir wichtig zu betonen: Kontaktlinsen sind keine Pflicht und keine Universallösung. Aber sie sind eine ernstzunehmende Alternative, über die viele Jäger nie nachdenken – oft, weil sie nie richtig beraten wurden.
Sehen ist mehr als nur Schärfe
In meinen Beratungen und Vorträgen sehe ich immer wieder:
Viele visuelle Einschränkungen haben nichts mit klassischer Unschärfe zu tun. Es geht um:
• Kontrastsehen in der Dämmerung
• räumliches Sehen
• schnelle Anpassung zwischen Nah- und Fernsicht
Genau diese Fähigkeiten entscheiden im Revier über Sicherheit, Ruhe und Handlungssicherheit – besonders bei schwierigen Lichtverhältnissen.
Sicherheit beginnt lange vor dem Schuss
Jagd ist Teamarbeit. Auf der Drückjagd, beim gemeinsamen Ansitz, bei der Nachsuche. Wir verlassen uns darauf, dass der andere sieht, was er sehen muss. Gutes Sehen schafft Vertrauen – und Vertrauen schafft Sicherheit.
Es bedeutet:
• früheres Erkennen von Bewegung
• bessere Einschätzung von Entfernungen
• mehr Sicherheit im Umgang miteinander
Und genau das ist es, was mir als Jägerin, Fachfrau für gutes Sehen und als Ausbilderin besonders am Herzen liegt.
Mein persönliches Fazit
Ich habe gelernt, mein Sehen genauso ernst zu nehmen wie meine jagdliche Ausrüstung. Nicht aus Unsicherheit, sondern aus Verantwortung – für mich selbst, für andere Menschen und für das Wild.
Ob Brille, speziell angepasste Jagdbrille, Kontaktlinsen oder eine individuelle Kombination: Entscheidend ist, dass die Lösung zu den eigenen jagdlichen Anforderungen passt.
Denn eines gilt immer:
Eine Optik kann nur so brillant und scharf sein, wie das Auge, das durch sie hindurchsieht!
Und manchmal entscheidet genau dieser Unterschied darüber, ob ein Jagdmoment sicher, ruhig – und gut in Erinnerung bleibt.
Die Gesundheit Ihrer Augen gehört in fachkundige Hände: Rechtlich dürfen ausschließlich Augenärzte, Augenoptikermeister und Optometristen Messungen am Auge durchführen. Als Augenoptikermeister erkennen und bewerten wir Auffälligkeiten im Rahmen unserer Befugnisse und besprechen mit Ihnen das sinnvolle weitere Vorgehen – bis hin zur Empfehlung zur Vorstellung bei einem Augenarzt. Regelmäßige Kontrollen leisten so einen wichtigen Beitrag zur Augengesundheit sowie zu sicherem, scharfem Sehen bei der Jagd und im Alltag.
Mein Schwerpunkt liegt auf anspruchsvollen und komplexen Sehaufgaben – zum Beispiel bei stark unterschiedlichen Augen, Gleitsichtproblemen, Kopfschmerzen, Schwindel, Lichtempfindlichkeit oder Veränderungen durch Erkrankungen wie MS oder Rheuma. Genau hier stoßen Standardmessungen oft an ihre Grenzen.
Autorin: Susanne Kraft



