Digitale Jagdausbildung: Fluch oder Segen?

Die Jungjägerausbildung erfährt seit einigen Jahren einen Wandel, der einerseits bemerkenswert, andererseits aber auch beunruhigend ist. Für Außenstehende hat es den Anschein, als wäre noch nie so leicht wie heute, die Jungjägerprüfung zu bestehen. Aber kann man in nur zwei bis drei Wochen wirklich das Wissen vermitteln, das zur Ausübung der Jagd notwendig ist?

 

Seit Jahren kann man von einem nachhaltigen „Boom“ sprechen, was das Interesse am Jagdschein betrifft. Allein Jahr 2022/23 haben nach Angaben des DJV rund 23.000 Jungjäger die Ausbildung absolviert.

Digitale Jagdausbildung: Fluch oder Segen?

Gleichzeitig werden immer neue Jagdschulen gegründet. Aber ist das nur ein Trend, oder werden sie sich langfristig halten können? Dazu muss man sich vor allem ansehen, wie an diesen neuen Jagdschulen gelehrt wird – denn häufig findet das Lernen hier digital statt. Nicht wenige Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren mit modernen Ausbildungsmethoden am Markt profiliert. Insbesondere die Möglichkeit, sich bereits im Vorfeld über digitale Unterrichtsstunden vorzubereiten, zeigt einen Trend, der nachhaltig zu sein scheint. Wird es in Zukunft möglich sein, nur über den Weg der digitalen Unterrichtsmethoden, dem sogenannten „E-Learning“, den Jagdschein zu bestehen?

Die Angst vor Crashkursen

Die Diskussion darüber, wie an Jagdschulen gelehrt werden soll, ist nicht neu, sondern lässt sich bis in die Mitte der 80er Jahre zurückverfolgen. Damals begannen professionelle Jagdschulen damit, sogenannte „Crashkurse“ anzubieten, über die man den Jagdschein in nur wenigen Wochen bestehen konnte. Bei den Verantwortlichen der Jagdverbände und Kreisgruppen kam die Befürchtung auf, dass das „alte Modell“, nämlich Kurse über mehrere Monate, dagegen nicht bestehen könnte.

 

Bei genauerer Betrachtung waren diese Befürchtungen jedoch unbegründet. Es ist unerheblich, ob man die Inhalte (ca. 150 Stunden) kompakt in nur drei Wochen oder über acht bis neun Monate mit je zwei Stunden pro Woche absolviert. Die Ausbildung der Jungjäger in den Kreisgruppen ist nach wie vor erfolgreich und ein fester Bestandteil der Jagdkultur.

Praxis kann man nicht digital vermitteln

Die Jagd ist ein Handwerk, das welches nur erlernt werden kann, wenn in Theorie und Praxis nachhaltig die Inhalte vermittelt werden! Es ist unheimlich wichtig, den Auszubildenden dieses Handwerk über die Praxis beizubringen. Und sei es nur, dass ein Stück Rehwild im Beisein des Ausbilders aufgebrochen wird. Das Sehen, Fühlen, Riechen und Anfassen ist der Kern einer jeden Ausbildung, nicht nur bei der Jagd – und dieser Aspekt lässt sich nicht digital vermitteln.

Projektor, PowerPoint und E-Learning

Dennoch unterliegen die jagdlichen Unterrichtsmethoden einem Wandel, und zwar demselben, der sich auch an allgemeinbildenden Schulen erkennen lässt. Erinnern Sie sich zum Beispiel noch an Tageslichtprojektoren? Damals – bis Mitte der 90er – waren sie das Mittel der Wahl, um entsprechende Folien und Skripte im Kurs vorzutragen, doch nach und nach wurden sie von Präsentationen über Notebook und Beamer verdrängt. Nach wie vor ist es Standard, mit dieser Form des Unterrichts Inhalte zu vermitteln. Und wie auch damals kann man die Inhalte mit diesem neuen System verändern, diesmal noch einfacher als zuvor. Was nicht für die Prüfung relevant ist, wird entfernt, und stattdessen kann man weitere Themenbereiche mit eigenen Inhalten füllen.

 

Die Zuhilfenahme der Elearning Portale der Jagdscheinausbildung für die Anwärter ist ein weiteres Hilfsmittel, die Methoden zu verfeinern. Zudem ist es möglich, den Lernfortschritt von jeder/m Teilnehmer zu verfolgen.

 

Die Ausbildung zum Jäger unterliegt heute einem digital geprägten Wandel, der unweigerlich Folgen für die weitere Arbeit der Kreisgruppen und Verbände haben wird. Insbesondere eine schnell fortschreitende, digitale Ausbildung mit wenigen Praxistagen ist zu beobachten. So bieten manche Jagdschulen an, ihre Schüler in nur acht Tagen zum Jagdschein zu führen!

Strukturen könnten sich verändern

Wenn dieser Trend anhält, könnten sich die seit Jahrzehnten aufgebauten Strukturen der Jagdausbildung in den Kreisgruppen auflösen. Ein Jagdausbilder, der sich ehrenamtlich seit über 30 Jahren und länger mit viel Engagement und Herzblut in die Vorbereitung zur Jägerprüfung einbringt, ist mit Anfragen zu diesem neuen „E-Learning“ schlichtweg überfordert. Wo sollen da die gefestigten Abläufe des Unterrichts stattfinden, und wo die praktischen Übungen, die ein gewohnter Bestandteil der Jägerprüfung sind?

 

Die Folgen dieser Entwicklung sind bereits absehbar! Letztendlich kommen vermehrt Anfragen von interessierten Jungjägeranwärter die Ausbildung zum Jäger komplett digital zu absolvieren. Die E-Learning-Portale machen dies möglich – doch der Kontakt unter den Lernenden sowie zu den Ausbildern bleibt oft auf der Strecke. Die digitale Vorbereitung am PC, unter Umständen unter den Einflüssen der sozialen Medien wie YouTube, Facebook und so weiter, lassen die Jägerschaften zwangsläufig vereinsamen.

 

Und was noch gravierender ist: Die Anonymität der E-Learning-Portale führt zwangsläufig dazu, dass mehr und mehr Jäger sich der notwendigen Verbandsarbeit verschließen. Gleichzeitig werden gesellschaftliche Strukturen der Jagdverbände aufgebrochen oder komplett vernachlässigt. Die Befragung von Absolventen der unterschiedlichen Ausbildungsmöglichkeiten untermauert diese Aussage.

 

In der späteren Jagdpraxis nimmt diese Vereinsamung seinen Fortgang. Ein Prüfer einer Jägerschaft formulierte dies treffend mit der Aussage: „Wie kann ich mich über den erlegten Sechser-Rehbock freuen, wenn ich diese Freude nicht mit anderen Jagdkollegen teilen kann?“

 

Nach wie vor absolviert ein großer Teil der Jungjäger einen Langzeitkurs. Ausgebildet über Jägerschaften, finden die Prüflinge deutlich leichter Anschluss über die Hegeringe oder der Kreisjägerschaft. Bei der Anmeldung zur Jungjägerausbildung bekommen die Anwärter zudem gleich die Mitgliedschaft zur örtlichen Kreisjägerschaft angeboten, welche selten bis nie ausgeschlagen wird. Schließlich nutzen die Prüflinge auch vereinseigene Anlagen, wie zum Beispiel Schießstände, Fallenparcours, Präparateräume und Schießkino.

Anonymität sorgt für weniger Akzeptanz

Verschiedene Prüfungsstandorte in den Bundesländern verhelfen Jagdschulen dazu, erfolgreich ihr Geschäftsmodell umzusetzen. Ein Prüfungstermin pro Jahr, wie häufig in den Kreisgruppen angeboten, mit einer Wiederholungsprüfung inklusive, wäre für Jagdschulen mit Drei-Wochen-Kursen nicht umsetzbar. Daher sind Prüfungsstandorte, insbesondere in Hamburg oder in Niedersachsen, sehr stark gefragt.

 

Die Auswirkungen der heutigen digitalen Ausrichtung in der Jungjägerausbildung sind bereits deutlich erkennbar. Die Anonymität in der jagdlichen Gesellschaft nimmt zu. Dies könnte auf Dauer zur Folge haben, dass die Gesellschaft das Handwerk der Jagd noch weniger akzeptiert, als es heute bereits der Fall ist.

Ganz digital wird es nicht gehen

Die Jagd ist ein Kulturgut, das über die Jagdausbildung vermittelt wird. Der rein digitale Weg ist hier sicherlich nicht zielführend.

 

Die Option, fachlich einwandfreie Präsentationen für die Ausbildung zu verwenden und zudem Lerninhalte über geführte digitale Unterrichtseinheiten zu vermitteln, wird die zukünftige Jagdausbildung prägen und somit die kommenden Jägergenerationen.

 

Notwendig dafür ist die gefestigte Bereitschaft, Weiterbildungsmaßnahmen für Ausbilder als auch Prüfer über die Jägerschaften und weiterer Institutionen anzunehmen und sich den neuen, digitalen Wegen der Ausbildung nicht zu verschließen. Eine Qualifizierung der Ausbilder scheint notwendiger denn je! Der Verband der Berufsjäger zeigt auf, welche Standards in der Ausbildung zum und zur Jägern möglich sind.

 

Zielführend wäre es, seitens der Verbandsführungen Richtlinien zur Ausbildung der Ausbilder, als auch klare, einheitliche Strukturen der Ausbildungs- als auch Jägerprüfungsinhalte vorzugeben. Bevor andere Institutionen sich dieser Thematik annehmen.

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